manche sind ungleicher
Wenn ich die Frage stelle, was am 7. Oktober 2023 geschehen ist, wird jede*r Leser*in dieser Zeilen exakt wissen, worauf ich mich beziehe. Wenn ich weiter frage, wie viele Menschen an diesem Tag getötet wurden, werden die allermeisten eine ziemlich genaue Zahl im Kopf haben. In jedem Fall wird bekannt sein, dass über 1.000 Menschen bei einem Terrorangriff der Hamas in Israel getötet wurden. Der 7. Oktober hat sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt, ist heute ein historisches Datum gleich 9/11.
Wenn ich die Frage stelle, was am 18. März 2025 geschehen ist, werden die allermeisten Leser*innen damit kein Ereignis von internationaler Relevanz verbinden.
Das gleiche Rätseln wird die Frage auslösen, was am 29. Oktober 2025 geschehen ist. Im Unterschied zum 7. Oktober 2023 wird keiner der beiden Tage in Erinnerung gehalten. Es ist weltpolitisch nichts passiert, das sich in unserem Gedächtnis verfangen hat.
→ So lautet jedenfalls meine Hypothese. Denn gemessen an der politmedialen Resonanz auf die Ereignisse an diesen Tagen ist es höchst unwahrscheinlich, dass sich Leser*innen finden, die wissen, worauf ich mich beziehe.
→ Wer diese Zeilen nun liest und sehr wohl weiß, wonach ich frage, für den*die ist meine Annahme widerlegt. Für alle anderen geht es im nächsten Absatz weiter:
Am 29. Oktober 2025, über zwei Wochen nach Beginn des viel gefeierten „Waffenstillstands“ in Gaza tötete die israelische Armee durch Luftangriffe 104 Menschen, darunter mindestens 46 Kinder. In den Nachrichten wurde es vermeldet, UN-Generalsekretär Guterres verurteilte die Angriffe und damit war die Sache erledigt. Drei Wochen später wird Deutschland die Beschränkungen seiner Rüstungsexporte nach Israel aufheben, da sich die Lage „stabilisiert“ habe.
So wie am 29. Oktober herrschte auch am 18. März 2025 formal Waffenstillstand in Gaza. Jedenfalls so lange bis Israel diesen einseitig beendete und durch massive Luftangriffe in einer Nacht 436 Menschen tötete. Unter den Toten 183 Kinder und 94 Frauen.
Internationales Entsetzen? Großes Medieninteresse? Fehlanzeige. In deutschsprachigen Zeitungen lief das Massaker unter ferner; sowohl für Tagesschau als auch Zeit im Bild waren 436 Todesopfer zu wenig, um den Massenmord als Aufmacher zu platzieren.
Beispiellose Ignoranz
Gegenüber Israels Vernichtungskampagne in Gaza ist uns jeglicher Maßstab verloren gegangen. Palästinensische Opfer sind für Politik und Medien bedeutungslos.1 Dies zeigt sich nicht nur in der Ungleichbehandlung gegenüber den Opfern des 7. Oktober, sondern auch im historischen Vergleich:
> Am 16. März 1968 verübten US-Soldaten in Südvietnam ein Massaker mit 504 Todesopfern: My Lai prägte sich in die kollektive Erinnerung ein; heute gilt es als jenes Ereignis, das letztendlich zum Abzug der Amerikaner aus Vietnam führte.
> Am 30. Januar 1972 wurden während eines Protestmarsches in Nordirland 13 Menschen vom britischen Militär erschossen. Der Tag ging als Bloody Sunday in die Geschichte ein.
> Bei einem Angriff der US-Luftwaffe auf Befehl der deutschen Bundeswehr wurden am 4. September 2009 in Kundus mehr als 140 Menschen getötet, darunter mindestens 91 Zivilist*innen. Das Bombardement in Kundus löste heftige Kritik aus und wurde zum Wendepunkt in der deutschen Afghanistan-Debatte. In der Folge kam es zu mehreren Rücktritten, u.a. des deutschen Verteidigungsministers.
> Bei mehreren koordinierten Anschlägen am 13. November 2015 töteten islamistische Terroristen insgesamt 130 Menschen in Paris; allein im Bataclan-Theater wurden 89 Konzert-Besucher umgebracht. Bataclan ist heute ein weithin bekanntes Symbol für islamistischen Terror in Europa.
> Im Frühjahr 2022 verübten russische Soldaten in Butscha, einem Vorort von Kiew, ein Massaker mit weit über 400 Todesopfern. Fast alle waren Zivilist*innen, 419 Tote trugen Anzeichen dafür, dass sie erschossen, gefoltert oder erschlagen worden waren. Das Massaker löste weltweit Entrüstung aus. Deutschlands Bundeskanzler Olaf Scholz bezeichnete „die Ermordung von Zivilisten [als] Kriegsverbrechen“, US-Präsident Joe Biden forderte einen Kriegsverbrecherprozess gegen Wladimir Putin. Der UN-Menschenrechtsrat setzte Russlands Mitgliedschaft aus, die internationalen Sanktionen gegen Russland wurden verschärft.
Heute gilt das Massaker von Butscha als „beispielloses Kriegsverbrechen“ und „Symbol russischer Grausamkeit“.> Am 13. April 2025 wurden bei einem russischen Raketenangriff in der ukrainischen Stadt Sumy 34 Zivilist*innen getötet. Der Angriff löste internationales Entsetzen und massive Kritik aus; Friedrich Merz verurteilte ihn als „Kriegsverbrechen“. Eine Verurteilung Russlands durch die G7 kam nur aufgrund einer Blockade der USA nicht zustande.
Es versteht sich von selbst, dass die hier aufgezählten Gräueltaten weder gleichgesetzt noch in so etwas wie eine Rangordnung gestellt werden sollen. Es geht allein um die mediale Resonanz, die sie erfahren haben: Wie auch der 7. Oktober beherrschten diese Verbrechen die Schlagzeilen weit über die tagesaktuelle Berichterstattung hinaus, manche wurden zu historischen Marksteinen. Zweifellos war die außerordentliche Aufmerksamkeit, welche ihnen zuteil wurde, in jedem einzelnen Fall angemessen.
Warum verhält es sich mit den israelischen Massakern an hunderten palästinensischen Zivilist*innen so gänzlich anders? Warum lösen 104 getötete Palästinenser*innen trotz Waffenruhe keinen internationalen Aufschrei aus? Warum ist das Massaker des 18. März einfach so an uns vorübergegangen?
436 Todesopfer während eines bestehenden Waffenstillstands, fast 300 getötete Frauen und Kinder in einer Nacht: Das ist ein Blutbad von historischer Dimension.
Doch den Opfern des 18. März wird nie gedacht werden. Es wird keinen Jahrestag, keine Gedenkfeiern und auch kein beleuchtetes Brandenburger Tor geben.
Denn palästinensische Leben zählen hier nichts.
plusminus
Unsere Ignoranz gegenüber dem Leid der Palästinenser*innen zeigt sich nicht nur in unserem Unwissen über einzelne, außerordentliche Massaker.
Wie viele Menschen sind seit dem 7. Oktober 2023 in Gaza getötet worden?
Wie viele Menschen sind seit Beginn des „Waffenstillstands“ in Gaza getötet worden?
Ich nehme an, dass typische Medienkonsument*innen über die Gesamtzahl der palästinensischen Todesopfer grob Bescheid wissen. Sind es 60.000 Tote? Oder doch 70.000? Gerundet wird jedenfalls in 10.000er-Schritten.
Bis 21. Jänner 2026 liegt die Zahl der gemeldeten Todesopfer bei 71.551, darunter 20.179 Kinder. Die tatsächliche Opferzahl dürfte allerdings deutlich über jenen des palästinensischen Gesundheitsministeriums liegen: Folgt man den wissenschaftlichen Studien über die Opferzahlen in Gaza, die bislang erschienen sind, hat Israel mehr als 100.000 Palästinenser*innen seit Oktober 2023 getötet.2
Dass ein Waffenstillstand fragil sein kann, ist nicht ungewöhnlich. Doch seit dessen Beginn werden in Gaza statistisch zwischen vier und fünf Menschen täglich umgebracht: In dreieinhalb Monaten tötete Israel 477 Menschen, darunter über 100 Kinder, und verletzte 1.301.3 Ungeachtet dieser Opferzahlen schreiben Medien das Wort Waffenstillstand weiterhin ohne Anführungszeichen (sind keine mehr übrig, wurden alle für „Völkermord“ aufgebraucht).
Inwieweit ist bekannt, dass das Töten weitergeht? Wem ist bewusst, dass Israel seine Angriffe ohne Unterlass fortsetzt?
Und weil das Westjordanland nicht vergessen werden darf:
Wie viele Palästinenser*innen wurden seit Oktober 2023 durch die Israel Defence Forces und Siedlerterroristen umgebracht?
Warum kommt es dort überhaupt laufend zu Todesopfern?
Im Westjordanland gibt es keine Hamas, es werden keine Geiseln versteckt und Israel muss sich dort auch nicht „selbst verteidigen“. Nichtsdestotrotz sind von Oktober 2023 bis Mitte Jänner 2026 1.046 Menschen getötet worden, darunter mindestens 229 Kinder.
Als letztes Beispiel für die Gleichgültigkeit gegenüber palästinensischen Opfern sei auf die Geiseln verwiesen: Über zwei Jahre waren die von der Hamas entführten Israelis Dauerthema in den Medien und Fixpunkt sämtlicher Debatten über Gaza. Die Freilassung der letzten Geiseln am 13. Oktober 2025 dominierte weltweit die Nachrichten, die hohe Politik versendete erleichterte, feierliche Statements.
Als im Zuge der Verhandlungslösung auch knapp 2.000 palästinensische Gefangene freigelassen wurden, geriet Israels seit Jahrzehnten praktizierte Verwaltungshaft kurz in den Fokus einiger Medien: Verwaltungs- bzw. Administrativhaft bedeutet ohne Anklage oder Prozess eingesperrt zu sein. Verhängt für sechs Monate kann sie beliebig oft verlängert werden; eine Obergrenze gibt es nicht. Gemäß der israelischen Menschenrechtsorganisation B’tselem werden Häftlinge zum Teil jahrelang ohne Anklage festgehalten.4 Auch Minderjährige sperrt die „einzige Demokratie im Nahen Osten“ in Verwaltungshaft.
Aktuell befinden sich 3.385 Palästinenser*innen in Verwaltungshaft, darunter zahlreiche Kinder, manche jünger als 12 Jahre alt. Verschleppt und rechtlos weggesperrt in Gefängnissen, in denen Folter und Tod droht: Ende 2025 veröffentlichte der UN-Ausschuss gegen Folter eine Untersuchung, nach der Israel eine „de-facto-staatliche Politik organisierter und weitverbreiteter Folter“5 betreibt; bereits im August 2024 bezeichnete B’Tselem das israelische Gefängnissystem als ein „Netzwerk von Folterlagern“. Infolge von „entgrenzter Gewalt“, Vernachlässigung und Nahrungsentzug sind seit Oktober 2023 mindestens 98 Palästinenser*innen in Haft gestorben.
manche sind ungleicher
Ich wiederhole, was ich weiter oben geschrieben habe: Hier wird keine Wertung vorgenommen. Der Horror, den die israelischen Geiseln und ihre Angehörigen durchmachen mussten, lässt sich nicht in Worte fassen. Es ist nachvollziehbar, dass die Weltöffentlichkeit das Schicksal der Geiseln über zwei Jahre aufmerksam verfolgt hat. Doch warum erfahren die Tausenden Palästinenser*innen, die in Israels Foltergefängnissen verrotten, nicht einmal einen Bruchteil der Aufmerksamkeit, welche den israelischen Geiseln zuteil wurde?
Die Gleichgültigkeit ihnen gegenüber entspricht unserem Umgang mit all den anderen Verbrechen, welche den Palästinenser*innen angetan werden. Sie interessieren uns nicht oder wir finden schlechte Ausreden dafür. Die Folge unseres Wegschauens: Israel fährt mit seinem Völkermord ungehindert fort.
Theoretisch könnte auf Israel Druck ausgeübt werden, mit den Angriffen aufzuhören und die Bevölkerung Gazas ausreichend zu versorgen. Dazu müssten die Medien die Ungeheuerlichkeiten, die Israel verbricht, als solche behandeln anstatt sie im Liveticker zu verräumen.
Theoretisch könnte eine angemessene Berichterstattung gesellschaftlichen Druck auf die Politik bewirken, welche schließlich angehalten wäre, Israels Vorgehen zu verurteilen oder gar zu sanktionieren. Langfristig wäre Israel gezwungen, seine Politik der Ausrottung zu beenden.
Nichts davon wird passieren.
Gegenwärtig werden zwei Millionen Menschen auf weniger als der Hälfte des Gazastreifens zusammengepfercht, während der Rest Gazas systematisch dem Erdboden gleichgemacht wird. Tag für Tag werden Zivilist*innen durch Bombardements und Artilleriebeschuss getötet. Bald werden auch wieder Menschen an Hunger sterben:6 Anfang 2026 hat Israel 37 Hilforganisationen aus Gaza verbannt, darunter Ärzte ohne Grenzen, Care, Medico International und die Caritas.
Internationales Entsetzen? Großes Medieninteresse? Fehlanzeige.
Der Kritik, dass das Leid der Palästinenser*innen zu wenig Aufmerksamkeit bekommt, wird häufig mit einem Hinweis auf andere internationale Konflikte entgegnet, welche in der Berichterstattung noch weniger Beachtung erhalten: „Wo bleibt der Protest gegen den Krieg im Sudan?!“ Die meist implizite, oft genug auch explizite Botschaft: Es sei Heuchelei, die Gewalt in Gaza zu kritisieren, aber die Gewalt z.B. im Sudan außer acht zu lassen.
Abgesehen davon, dass dieses Argument plumper whataboutism ist: Politik und Medien kann in der Tat vorgeworfen werden, dass sie manche Krisenherde sträflich vernachlässigen. Doch der Referenzpunkt für die Ignoranz gegenüber Gaza ist kein „vergessener Konflikt“ wie im Sudan oder im Jemen – der Referenzpunkt ist Israel. Der Nahostkonflikt erhält so viel Aufmerksamkeit wie kein zweiter. Doch trotz der Medienpräsenz findet das Grauen, das Israel über die Palästinenser*innen bringt, zu wenig Beachtung.
Und dann ist da natürlich noch die Kleinigkeit, dass Israel seinen Genozid mit Waffen begeht, die von den USA und Europa geliefert werden.
Zwei im Peer-Review-Verfahren überprüfte Studien, die Anfang 2025 im Medizinfachjournal The Lancet erschienen sind, kommen zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Todesopfer um bis zu 40 Prozent zu niedrig angegeben sein könnte; Ende November veröffentlichte das Max-Planck-Institut für demografische Forschung eine Studie, nach der bis Oktober 2025 zwischen 99.997 und 125.915 Menschen im Gazastreifen gestorben sind. Dabei wurden nur diejenigen Menschen gezählt, die direkt durch Gewalteinfluss ums Leben gekommen sind (also in den meisten Fällen durch Bombardements der israelischen Luftwaffe).
Verwaltungshaft hat immer schon fast ausschließlich Palästinenser*innen getroffen, seit Ende 2024 kann sie nur noch über Palästinenser*innen verhängt werden.
Bis Oktober 2025 sind in Gaza mindestens 453 Menschen, darunter 150 Kinder, aufgrund von Unterernährung gestorben.



