Prioritäten
Im großen profil-Jahresrückblick 2025 bildet Gaza eine überraschende Leerstelle.
Über 25.000 getötete Palästinenser*innen, eine vorsätzlich herbeigeführte Hungersnot, die Einigung auf einen Waffenstillstand, die Freilassung der letzten israelischen Geiseln... Selbst für Nahost-Verhältnisse war 2025 ein extremes, außergewöhnliches Jahr. Trotzdem wird Gaza in der profil-Sonderausgabe zum Jahresende kein eigener Text gewidmet.
Die Art und Weise, wie der Völkermord nebenbei abgehandelt wird, ist sowohl eine kapitale journalistische Niederlage als auch ein moralischer Absturz.
Gaza kommt an vier Stellen im XXL-Jahresrückblick vor: Im Aufmacher-Text, jeweils in Artikeln über Greta Thunberg und Song Contest-Sieger JJ sowie in der „launigen“ Schluss-Kolumne.
> quälende Ignoranz I
Der Aufmacher „Schlechte Wörter“ beginnt mit einem Verweis auf den Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 20231 und untersucht, wie Sprache immer auch eine Haltung transportiert. Autor Martin Prinz verwendet einen Großteil seines Textes darauf, den Wr. Festwochen-Intendant Milo Rau zu kritisieren, weil dieser dazu aufgerufen hatte, das Schweigen gegenüber dem Genozid in Gaza zu brechen.
Prinz gefällt sich in der Rolle des umsichtigen Beobachters, der eindeutige Urteile zu hinterfragen weiß: Das Wort Genozid scheint ihm nicht geheuer, denn dieses kenne „gut und böse genau, ordnet ein, ordnet zu“; wer Genozid sagt, sei „verdächtig laut“. „Am wenigsten“ glaubt Prinz Wörtern, „die für die richtigen gehalten werden, weil sie etwas beim Namen nennen“.
Milo Rau – den Prinz im gesamten Text nicht beim Namen nennt – wird dafür verächtlich gemacht, dass er Israels Vorgehen in Gaza mit Eindeutigkeit als Genozid benennt: „So einfach ist das.“ „Hauptsache, es ist eindeutig genug.“So wortreich Prinz auf der einen Seite eindeutige Urteile in Zweifel zieht, so unkritisch ist seine Position gegenüber Israel. Auf dreieinhalb Seiten findet sich nicht ein Israel-kritisches Wort: Die Proteste gegen Israel seien „hochgeschaukelt“, für das, was in Gaza geschieht, sei die Hamas verantwortlich. Denn diese nehme die eigene Bevölkerung in „Geiselhaft“. Tiefpunkt der intellektuellen Verrenkung: Nicht Israel vernichtet die Palästinenser*innen, es ist die Hamas, welche „die Bevölkerung als offensiv eingesetzte Schutzschilde der Vernichtung preisgibt“.
Israels Ausrottungskampagne ist für Prinz explizit kein Menschheitsverbrechen – da gibt es für den abwägenden Denker mit einem Mal nichts zum Herumdeuteln.
Prinz’ zentrale Aussage, dass in Gaza kein Genozid stattfinde bzw. dass es falsch sei, dies eindeutig festzustellen, ist geradezu quälend ignorant: 2025 war das Jahr, in dessen Verlauf so gut wie keine große internationale oder israelische Menschenrechtsorganisation mehr übrig blieb, die nicht zu dem Schluss kam, dass Israel einen Genozid begeht.
Bereits Ende 2024 beurteilten Amnesty International, das European Center for Constitutional and Human Rights, Human Rights Watch und Doctors Without Borders Israels Militärkampagne als Völkermord. 2025 folgten: International Association of Genocide Scholars, The Lemkin Institute for Genocide Prevention, Genocide and Holocaust Studies Crisis Network sowie B’Tselem und Physicians for Human Rights–Israel. Im September befand auch die unabhängige Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats, dass sich Israel des Genozids schuldig macht.2
Angesichts des einhelligen Urteils der Fachwelt: Wieso lässt eine seriöse Zeitung jemanden, der in der Sache offensichtlich komplett ahnungslos ist, den Völkermord-Vorwurf gegenüber Israel beiseite-schwadronieren?
> quälende Ignoranz II
Greta Thunberg wird im profil-Jahresrückblick ein eigener Artikel gewidmet. Darin geht es ausschließlich um Thunbergs Engagement für die Palästinenser*innen: Weil sie nach Gaza gesegelt ist, „um der hungernden Bevölkerung dort Babynahrung, Lebensmittel und Medikamente zu bringen“ verliere Thunberg an „Popularität und Glaubwürdigkeit“; Titel des Artikels: „Greta oder Die gefallene Ikone“.
Autorin Franziska Dzugan lässt die Leserschaft im Dunkeln darüber, warum der Einsatz für die extrem leidende Bevölkerung Gazas einem Fall gleichkomme und warum so etwas Glaubwürdigkeit koste. Sie hält es jedoch für relevant hervorzuheben, dass Thunberg bereits zwei Wochen nach dem Terrorangriff der Hamas „Stand with Gaza“ in eine Kamera gehalten hat. Dass Israel in diesem Zeitraum über 5.000 Palästinenser*innen getötet hatte und Thunbergs Solidaritätsgeste damit höchst angemessen war, ist Dzugan entgangen. Oder 5.000(!) palästinensische Todesopfer in zwei Wochen(!) sind für sie nebensächlich.
Zu hart? Während Dzugan feststellt, dass in der Klimakrise Kategorisierungen wie „schwarz und weiß, gut und böse, richtig und falsch“ leicht fallen, rätselt sie, warum Thunberg diese Unterscheidungen auf Gaza überträgt. „Wie kann Greta Thunberg mit den hungernden Palästinenserinnen so viel Mitleid haben – aber gleichzeitig das Martyrium der israelischen Geiseln ausblenden?“
Bis 30. Dezember 2025 liegt die Zahl der gemeldeten Todesopfer in Gaza bei 71.266, darunter 20.179 Kinder. Die tatsächliche Zahl dürfte dabei deutlich höher liegen, wie wissenschaftliche Untersuchungen ergeben haben. Erst im November veröffentlichte das Max-Planck-Institut eine Studie nach der bis Oktober 2025 zwischen 99.997 und 125.915 Menschen im Gazastreifen durch Gewalteinfluss gestorben sind.
Worüber ich rätsle: Wieso lassen sich mehr als 20.000 tote Kinder oder eine vorsätzlich verursachte Hungersnot nicht als „falsch“ oder „böse“ kategorisieren? Und ab welcher Zahl zerfetzter, erschossener, verhungerter Palästinenser*innen wäre es o.k., einfach nur zu protestieren, ohne im gleichen Atemzug die Hamas und den Terrorangriff vom 7. Oktober verurteilen zu müssen?
> quälende Ignoranz III + IV
Analog zum Thunberg-Artikel behandelt auch der Text über Song Contest-Sieger JJ vor allem dessen Kritik an Israel. Titel: „Österreich gewinnt den Song Contest – und JJ verliert den Faden“
JJ hatte nach seinem Sieg kritisiert, dass Israel im Gegensatz zu Russland nicht vom Song Contest ausgeschlossen worden war. Für Autor Sebastian Hofer ein „Malheur“ und „diplomatischer Eklat“: JJ habe „verworren“ argumentiert, sich „im Debattennebel” verloren und es „ganz klar an Gespür und Bewusstsein“ fehlen lassen. Dass sich der Song Contest-Sieger politisch geäußert hatte, umschrieb Hofer mit „Blödheit des Banalen“.3
Um in Erinnerung zu rufen, was zum Zeitpunkt des Song Contests in Gaza vor sich ging: Beginnend im März hatte Israel eine totale Blockade über den Gazastreifen verhängt und keinerlei Hilfsgüter durchgelassen: Ein durch nichts zu rechtfertigendes Kriegsverbrechen vor den Augen der Welt. Während Hilfsorganisationen an den Grenzen Gazas 171.000 Tonnen Lebensmittelvorräte gelagert hatten, starben palästinensische Kinder an Hunger.
Hofer verliert nicht ein Wort über die künstlich herbeigeführte Hungerkatastrophe, die in Gaza herrschte, als JJ Israel kritisierte. Ebensowenig über den täglichen Bombenregen, den Israel damals über Gaza niedergehen ließ – zu sehr irritiert ihn, dass JJ es gewagt hat, einen Song Contest-Ausschluss von Israel zu befürworten.
In „No Shades Of Grey“, dem letzten Text des profil-Jahresrückblicks, ärgert sich Rainer Nikowitz darüber, dass Nemo, der Song Contest-Sieger von 2024, seine Sieger-Trophäe aus Protest gegen Israels Teilnahme zurückgegeben hat. Gemäß Nikowitz sei dies geschehen, weil Nemo Israel für „das Böse in Reinkultur“ halten würde und er draufgekommen sei, „dass Gaza am besten dadurch geholfen“ sei, „wenn man Israel vom Song Contest ausschließt“.
Selbstverständlich trifft nichts davon zu. Doch würde Nikowitz keine Strohmänner basteln, bliebe ihm nichts, worüber er sich echauffieren könnte. Es ist schwerlich eine friedlichere Protestform vorstellbar als die Rückgabe einer Trophäe. Aber selbst diese harmlose Geste ist für Nikowitz etwas, das man ins Lächerliche ziehen kann.
Sowohl Nikowitz als auch Hofer können sich offenbar nicht vorstellen, dass jemand gegen Israels Kriegsverbrechen auftritt, einfach nur deswegen weil er*sie Kriegsverbrechen für falsch hält. Oder weil er*sie Mitgefühl mit einer malträtierten Bevölkerung ausdrücken will.
JJ sei verwirrt, bei Nemo wird Israel-Hass als Begründung für dessen Protest präsentiert. Dem unbeschreiblichen Horror, welchen Israel seit Oktober 2023 ohne Unterlass über die Menschen Gazas bringt, schenken beide Journalisten keine Beachtung.
Stell dir vor, es ist Völkermord und die Redaktion hat andere Prioritäten
Was profil in seinem Jahresrückblick fabriziert, ist symptomatisch für die Vorgehensweise der Medien gegenüber Israels Vernichtungskampagne. Das Menschheitsverbrechen von Gaza interessiert nur insofern, als Protest dagegen skandalisiert oder lächerlich gemacht werden kann:
Greta Thunberg versucht die globale Aufmerksamkeit auf das Leid der Bevölkerung Gazas zu lenken? Fall einer Ikone! Da braucht es einen eigenen Artikel!
JJ kritisiert Israel? Diplomatischer Eklat! Fix kommt das in den Jahresrückblick!
Menschen verhungern infolge einer vorsätzlichen Blockade? Gaza ist zerstörter als es Dresden nach dem Zweiten Weltkrieg war? Sämtliche Menschenrechtsorganisationen bezeichnen Israels Vorgehen als Genozid? Nein, das ist keinen eigenen Text wert. Sind eh schon viele internationale Themen im Sonderheft. Aber wir könnten einen komplett Ahnungslosen darüber philosophieren lassen, warum das Wort „Genozid“ prinzipiell verkehrt ist!
profil betitelt den Jahresrückblick mit „Licht & Schatten“; Subtitel: „Ein Heft über Highlights, dunkle Stunden – und viele Schattierungen dazwischen“. Die „Schattierungen dazwischen“ sind das erklärte Leitmotiv des Jahresrückblicks: In der Einleitung feiert Sebastian Hofer den „Graubereich“ und hält fest, dass wir „ganz besonders genau […] auf die Zwischentöne schauen“ sollten. Denn „die Welt [ist] eben kaum einmal rein schwarz und im Gegenteil auch nicht wolkig weiß, sondern fast immer reichlich schattiert“. Und so weiter und so Schülerzeitung.
Dem Leitmotiv entsprechend ist der Aufmacher-Text von Martin Prinz eine Absage an eindeutige Urteile, insbesondere des Wortes Genozid; bezüglich Thunbergs Gaza-Engagement wundert sich Franziska Dzugan, wie man gegenüber dem Leid der Palästinenser*innen in Kategorien wie richtig/falsch denken kann; Sebastain Hofer beklagt in seinem Text über JJ, dass dieser „leider sehr eindeutig“ Israel kritisiert.
Selbstverständlich ist die Welt nicht schwarz/weiß und natürlich sollten eindeutige, möglicherweise vorschnelle Schlüsse kritisch hinterfragt werden. Doch angesichts des Menschheitsverbrechen, welches an den Palästinenser*innen begangen wird, ist die Zeit des Abwägens lange vorbei.
profil ignoriert den Horror von Gaza. Israels Dauerbombardement der Zivilbevölkerung wird im Jahresrückblick erst gar nicht erwähnt; die Hungersnot bekommt weniger Aufmerksamkeit als Nemos Rückgabe der Song Contest-Trophäe.
Wenn es eine Botschaft gibt, welche die profil-Redaktion an ihre Leserschaft sendet, lautet sie: Palästinensische Leben zählen nichts.
Ja, der erste Text im profil-Jahresrückblick 2025 beginnt mit dem 7. Oktober 2023.
→ Bluesky-Thread (inklusive Links) zu Expertisen von Menschenrechtsorganisationen und Experten.
Mag sein, dass ich hier zu viel „reinlese“, doch vermutlich bin ich nicht der Einzige, den diese ungewöhnliche Formulierung an Hannah Arendts „Banalität des Bösen“ erinnert.


Danke Christine, Danke René!
Bin ganz bei Euch.
Hallo René! Danke für deine Aufmerksamkeit und deinen Mut zu den Inhalten der Jahresrückblicke Stellung zu nehmen. Du hast ein Thema gewählt, das sehr berührt. Sind wir nicht alle Menschen, die aufeinander schauen, einander wahrnehmen und mitfühlen sollten? Dann würde vielleicht nicht mehr mächtigen Interessen gefolgt und Ängste bedient werden können.
Alles Gute für deine weitere Arbeit! Christine